Musik und Diktatur

Musik spielt in Diktaturen eine entscheidende Rolle. Wie keine andere Kunst appelliert sie an die Emotionen der Menschen, ohne Umwege über den Verstand, den totalitäre Regime gerne aushebeln. Musik kann, wie jeder weiß, überwältigen, und dieses Potential haben sich Herrscher zu allen Zeiten zunutze gemacht. In Diktaturen geschah dies meist planmäßig und in großem Maßstab. Dabei zeigt die Musikpolitik in fast allen Regimen gewisse Ähnlichkeiten. So gehört zu ihren Grundzügen, dass sie zwischen erwünschter Musik (Musik, die dem Regime nützt) und unerwünschter Musik (Musik, die dem Regime nicht nützt oder sogar schadet) unterscheidet und in zwei Richtungen agiert: Erwünschte Musik und ihre Komponisten werden stark gefördert, unerwünschte Musik und ihre Komponisten hingegen ausgegrenzt, unterdrückt oder auf Linie gebracht.

Forschung zu diesem Thema wird an unserer Hochschule intensiv betrieben. Sie gehört zu den Schwerpunkten des Lehrstuhls Historische Musikwissenschaft (Prof. Dr. Friedrich Geiger) und ist mit einer eigenen Einrichtung, dem Ben-Haim-Forschungszentrum, dauerhaft vertreten. Zu ihren zentralen Zielen gehört die Wieder- oder Neuentdeckung verdrängten Repertoires, das in enger Zusammenarbeit mit den künstlerischen Kolleg*innen regelmäßig auch zur Aufführung gebracht wird. Regelmäßige Publikationen zum Thema erscheinen unter anderem in der Schriftenreihe „Musik und Diktatur“ (Waxmann Verlag).

Einrichtungen und Editionsarbeit

Das Ben-Haim-Forschungszentrum am Musikwissenschaftlichen Institut – eine gemeinsame Initiative der Hochschule für Musik und Theater München und der Landeshauptstadt München – untersucht die Geschichte und die Musik verfolgter Komponistinnen und Komponisten sowie die jüdische Musikkultur in ihrer ganzen Vielfalt vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus mit Schwerpunkt im süddeutschen Raum. Die Forschungsarbeit des Zentrums, die durch Lehr-, Vortrags- und Publikationstätigkeit sowie Konzertveranstaltungen ergänzt wird, soll dazu beitragen, die Geschichte jüdischer Künstlerinnen und Künstler aufzuarbeiten, eine lebendige Erinnerungskultur für jüdische Musik und jüdische Musikschaffende in München und ganz Bayern zu fördern und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Reichhaltiges Quellenmaterial hält das Zentrum insbesondere zu Paul Ben-Haim (1897-1984) und Wolfgang Jacobi (1894-1972) vor, zwei Musikerpersönlichkeiten, deren Geschichte eng mit unserer Hochschule verknüpft ist.

Das Institut für Musikwissenschaft und der Hamburger Musikverlag Peermusic Classical betreiben eine langfristige Kooperation zur Edition von Werken des Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996). In Warschau geboren, floh Weinberg nach dem deutschen Überfall auf Polen wegen seiner jüdischen Herkunft in die Sowjetunion. Unter Stalin erlitt er antisemitischen Terror. Später erhielt Weinberg dann zunehmend auch offizielle Anerkennung, ohne dass er jemals zu den affirmativen Staatskomponisten gezählt hätte. Bis zu seinem Tod schuf er ein vielgestaltiges und umfangreiches Œuvre, das gegenwärtig weltweit (wieder)entdeckt wird. Im Rahmen der Arbeitsstelle „Weinberg-Editionen“ (Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Friedrich Geiger) sollen kontinuierlich Werke des Komponisten erstmals oder in verbesserten Ausgaben ediert werden, wobei Peermusic Classical die verlegerische Seite übernimmt. Wissenschaftlich werden die Notentexte im Rahmen von Editionsseminaren, Qualifikationsarbeiten und drittmittelfinanzierten Unterprojekten erarbeitet.

Leitung Ben-Haim-Forschungszentrum