Kulturelle Nachhaltigkeit in der Lehre

Beitrag von Christine Dettmann

8. September ’22

Interessiert an einem Transfer der Wissenschaft in die Lehre, stand das Interdisziplinäre Modul im Zeichen dieser relativ jungen Begriffsprägung der Nachhaltigkeit, aus musikethnologischer und musikhistorischer Perspektive. Unter der Leitung von Prof. Dr. Christine Dettmann, die an unserer Hochschule Musikethnologie lehrt, und Dr. Tobias Reichard vom Ben-Haim-Forschungszentrum der HMTM sowie einer online zugeschalteten Studierendengruppe von Prof. Dr. Sarah Roß, HMTM Hannover (Europäisches Zentrum für Jüdische Musik) bekamen die Seminarteilnehmenden im Wintersemester Einblicke in die Vielfalt des Konzepts Nachhaltigkeit im kulturellen Sektor. Darauf aufbauend entwickelten die Studierenden in Kleingruppen nachhaltige Projektideen, die von Kampagnen gegen das Orchestersterben, über ökologisch ausgerichtete Konzertformate, Unterrichtsentwürfe zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Volkslied während der NS-Zeit bis hin zu nachhaltigen Methoden des Unterrichts über musikalische Genre-Grenzen hinweg reichten.

Das Konzept der kulturellen Nachhaltigkeit wurde im Sommersemester mit Blick auf den Umgang mit Kulturerbe sowie dessen Vermittlung vertieft und auch der hochschulübergreifende Austausch erweitert. Dank einer Förderung des DAAD reisten Studierendengruppen aus Israel (Prof. Dr. Dani Kranz/Ben Gurion Universität Be’er Sheva) und Westafrika (Dr. Martin Ringsmuth/HMTM Hannover, Graduate School „Performing Sustainability“) in der Zeit vom 9. bis zum 13. Mai 2022 nach München. Gemeinsam wurden ein afro-brasilianischer Capoeira-Workshop, das Jüdische Museum sowie das Museum Fünf Kontinente besucht. Hierbei diente das Konzept von „doing heritage“ als kritische Leitperspektive für die Frage, inwieweit Kulturerbe nachhaltig vermittelt wird. Im Jüdischen Museum hatten israelische Studierende durchaus andere Sichtweisen als Münchner*innen, westafrikanische Studierende wiederum postkoloniale Kritik im ethnologischen Museum. Sehr lebendige Einblicke gab es während der Praxis der Kampfkunst Capoeira mit den Lehrer*innen Janaína Crivelli und Andreas Ehrlein.

Foto: Christine Dettmann
Teilnehmer*innen des hochschulübergreifenden Austauschs, der vom 9. bis zum 13. Mai 2022 in München stattfand.

Für die Abschlusspräsentation dieser Intensivwoche waren Studierende aufgefordert, ihre verschiedenen Erfahrungen in gemischten Gruppen zusammenzubringen und vorzustellen. Gerade dieser persönliche Kontakt und Austausch machten diese Woche so wertvoll. Für alle wurde deutlich, dass Fragen der Nachhaltigkeit – lokal und/oder global – einen Aushandlungsprozess mit vielen Akteur*innen benötigt, der von der Perspektivenvielfalt lebt. Denn auch wenn sich die Teilnehmenden in ihrem Erfahrungshorizont immer wieder unterschieden, Fragen der (kulturellen) Nachhaltigkeit betreffen uns letztlich alle.