Klingende Stolpersteine – ein Musikvermittlungsprojekt am Gymnasium Gröbenzell

26. Mai ’26

Ein Stolperstein unterbricht den gleichgültigen Schritt – ein klingender Stolperstein unterbricht das Schweigen und macht Vergessenes hörbar. Unter diesem Leitgedanken entstanden im Rahmen der Wissenschaftswoche des Gymnasiums Gröbenzell vom 13. bis 17. April 2026 Erinnerungsmosaike, die Geschichte in Klang verwandelten.

Foto: HMTM

Erinnerungskultur als gesellschaftliche Praxis befindet sich im Wandel – sie sucht beständig nach neuen Formen und Schwerpunkten, die dem Gewicht des Erinnerten gerecht werden. Von diesem Impuls ausgehend entstand das interdisziplinäre Projekt des Fachbereichs Musikvermittlung an der HMTM (Prof. Dr. Sonja Stibi), des Ben-Haim-Forschungszentrums der HMTM (Dr. Tobias Reichard, Leon Zmelty), des asambura ensembles und des Gymnasiums Gröbenzell (Lehrerin Eva Kuhn). In Workshops, Exkursionen und gemeinsamen Arbeitsphasen erschloss es verschiedene Dimensionen musikalischer Erinnerungskultur aus wissenschaftlicher wie künstlerischer Perspektive.

Acht Schüler*innen der elften Klassen des Gymnasiums, begleitet von Studierenden des Fachbereichs Musikvermittlung sowie Lehrenden der HMTM näherten sich gemeinsam anhand historischer Quellen und Impulsvorträge zunächst den Funktionen von Musik im Konzentrationslager Dachau – und damit zugleich der Frage, was es bedeutet, verantwortungsvoll mit Geschichte umzugehen. Im Zentrum stand das Spannungsfeld, das Musik in den nationalsozialistischen Lagern aufspannte: als Mittel der Selbstbehauptung und des Überlebens auf der einen, als Instrument der Kontrolle und Demütigung auf der anderen Seite. Historisches Quellenmaterial bildete die Grundlage für Analyse und Diskussion; eine Begehung der Gedenkstätte KZ Dachau mit dem Fokus auf Kunst im Lager machte diese Widersprüche unmittelbar erfahrbar. Besondere Aufmerksamkeit galt zudem dem sogenannten »Dachaulied«, das auf exemplarische Weise die vielschichtigen und widerstreitenden Funktionen von Musik im Lager verdichtet.

Foto: HMTM

Die gewonnenen Erkenntnisse mündeten am 17. April 2026 in eine künstlerische Auseinandersetzung im Rahmen eines Kompositionsworkshops mit Musiker*innen des asambura ensembles. Das Ensemble verbindet in seiner künstlerischen Arbeit klassische Musiktradition mit avantgardistischen Klangsprachen und einem ausgeprägten interkulturellen Ansatz – und hat mit »diasporAsa« ein Workshopformat entwickelt, das originale musikalische, bildliche und textliche Fragmente aus NS-Konzentrationslagern durch Collagetechniken und grafische Notation in neue klangliche Erinnerungsmosaike verwandelt, in enger Verbindung mit der Arbeit an und in Gedenkstätten. Anhand dieser Kompositionstechniken transformierten die Schüler*innen ihre Eindrücke in eigene klangliche Arbeiten – ihre klingenden Stolpersteine. Diese wurden abschließend in einem Gallery Walk und einem Konzert vor den achten und neunten Klassen präsentiert.

Das Projekt verband wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung zu musikalischer Erinnerungskultur auf eine Weise, die neue Begegnungsräume entstehen ließ: zwischen professionellen Musiker*innen, Schüler*innen, Musiklehrkräften, Studierenden und Lehrenden der HMTM – und nicht zuletzt zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Foto: HMTM

Projektteam:

  • Maximilian Guth: Komponist, Musiker, Pädagoge, asambura ensemble
  • Joss Reinike: Dirigent, Lehrbeauftragter Ensembleleitung Neue Musik an der HfM Freiburg, asambura ensemble
  • Kea Niedoba: Mezzosopran/Alt, asambura ensemble
  • Prof. Dr. Sonja Stibi: Professorin für Musikvermittlung an der HMTM
  • Dr. Tobias Reichard: Musikwissenschaftler, Leiter des Ben-Haim-Forschungszentrums an der HMTM
  • Leon Zmelty: Komponist, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ben-Haim-Forschungszentrums an der HMTM
  • Eva Kuhn: Komponistin, Musiklehrerin am Gymnasium Gröbenzell


Projektbericht: Prof. Dr. Sonja Stibi, Dr. Tobias Reichard, Leon Zmelty