Das Ben-Haim-Forschungszentrum – eine Initiative der Hochschule für Musik und Theater München – untersucht die Geschichte und die Musik verfolgter Komponistinnen und Komponisten sowie die jüdische Musikkultur in ihrer ganzen Vielfalt vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus mit Schwerpunkt im süddeutschen Raum. Nicht zuletzt aufgrund ihres Hauptgebäudes an der Arcisstraße 12, einem ehemaligen Repräsentationsbau der Nationalsozialisten, sieht sich die Hochschule hierbei in besonderer historischer Verantwortung. Zahlreiche Biographien ehemaliger Mitglieder, Schülerinnen und Schüler der Akademie der Tonkunst sind untrennbar mit der NS-Vergangenheit verbunden.
So auch im Falle des Namensgebers des Forschungszentrums, Paul Ben-Haim: Der 1897 in München als Paul Frankenburger geborene Dirigent, Komponist und früherer Schüler der Hochschule emigrierte aufgrund massiver antisemitischer Anfeindungen 1933 nach Palästina, wo er seinen Nachnamen in Ben-Haim (»Sohn Heinrichs«) änderte. Ben-Haims Biographie steht stellvertretend für viele andere jüdische Musikerinnen und Musiker, die vom Nationalsozialismus vertrieben wurden. Während seines Exils wurde er zu einer der einflussreichsten Personen für das Musikleben Palästinas und die Entwicklung eines israelischen Nationalstils.
Die Forschungsarbeit des Zentrums, die durch eine Lehr-, Vortrags- und Publikationstätigkeit sowie Konzertveranstaltungen ergänzt wird, soll dazu beitragen, die Geschichte jüdischer Künstlerinnen und Künstler aufzuarbeiten, eine lebendige Erinnerungskultur für jüdische Musik und jüdische Musikschaffende in München und ganz Bayern zu fördern und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Reichhaltiges Quellenmaterial hält das Zentrum insbesondere zu Paul Ben-Haim und Wolfgang Jacobi (1894–1972) vor, zwei Musikerpersönlichkeiten, deren Geschichte eng mit unserer Hochschule verknüpft ist.
Die Akademie der Bildenden Künste München (AdBK) und die HMTM forschen gemeinsam zu NS-verfolgten Künstler*innen an ihren Institutionen. Dies ist die erste systematische und wissenschaftliche Aufarbeitung von Biografien der Künstler*innen, die an den Münchener Akademien für Bildende Kunst und für Tonkunst ausgeschlossen, verdrängt und verfolgt, in einigen Fällen anschließend auch ermordet wurden. Das Forschungsprojekt nimmt dabei auch das institutionelle Agieren im Zeitraum des aufkommenden Nationalsozialismus bis in die ersten Nachkriegsjahre in den Blick. Die Kooperation zwischen der AdBK und der HMTM ermöglicht es, Musik und Bildende Kunst in Beziehung zueinander zu setzen sowie künstlerische Reaktionsweisen auf die Verfolgungsmechanismen im Nationalsozialismus herauszuarbeiten. Fragestellungen der künstlerischen Forschung leisten dabei einen wesentlichen Beitrag für den wissenschaftlichen Diskurs an den beiden Hochschulen. Zusammen mit Methoden der Geschichtsforschung eröffnen sich Neuansätze für eine kritische Institutionengeschichte.
Projektleitung:
Prof. Dr. Maria Muhle (AdBK), Dr. Tobias Reichard (HMTM)
Projektmitarbeitende:
Beo Tomek (AdBK), Leon Zmelty (HMTM)
Laufzeit:
2023–2027
Förderung:
Hochschulvertrag
»Insel«, »Oase«, »Zuflucht«, »Hort des Widerstands«, »Gefängnis«, »geistiges Ghetto«… Nahezu sämtliche zeitgenössischen Berichte zum jüdischen Musik- und Theaterleben im Nationalsozialismus sind von derartigen Raummetaphern durchzogen. Semantiken des Abgeschlossenen und Beengten, aber auch der Entgrenzung und des Rückzugs bis hin zum Subversiven und Widerständigen stehen in ihrer Raumbezogenheit stellvertretend für jüdische Alltagserfahrungen in der NS-Diktatur. Sie waren die Folge einer immer strikteren Reglementierung des öffentlichen Raums, durch die Jüdinnen*Juden nach dem Willen der Machthaber vollständig aus der Gesellschaft gedrängt werden sollten. Insbesondere im Musikleben war der Verfolgungsdruck von Beginn an besonders hoch, da Musik als vermeintlich ›deutscheste der Künste‹ Kernbestandteil der nationalsozialistischen Ideologie war. Jüdische Musiker*innen waren daher gezwungen, sich in kürzester Zeit alternative Verdienst- und Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen. Ebenso wie ihr jüdisches Publikum hatten sie sich dabei in einem öffentlichen Raum neu zu orientieren, der massiv von Gewalt geprägt war und sich gerade in Bayern – mit der »Hauptstadt der Bewegung« München, der »Stadt der Reichsparteitage« Nürnberg, der Wagner-Stadt Bayreuth und dem ersten Konzentrationslager Dachau – als besonders prekär erwies. Jüdisches Musikleben im Nationalsozialismus war demnach auf verschiedenen Ebenen erheblich durch räumliche Rahmenbedingungen geprägt, die bislang allerdings kaum erforscht wurden. Diesen Rahmenbedingungen am Beispiel Bayerns nachzugehen, die relevanten Quellen grundlegend zu erschließen und aufzubereiten sowie nach dem Erkenntnisgewinn einer für räumliche Zusammenhänge sensibilisierten Musikgeschichtsschreibung zu fragen, sind die Ziele des beantragten Projekts.
Projektleitung:
Dr. Tobias Reichard
Projektmitarbeitende:
Dr. Lorenz Adamer, Stefanie Mockert
Hilfskräfte:
Lorenz Kaineder, Konstantin Mulki, Maximilian Stoll
Laufzeit:
2025–2028
Förderung:
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Wolfgang Jacobi, 1894 auf Rügen geboren, feierte in den 1920er Jahren mit seinen Kompositionen erste größere Erfolge. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten endete seine bis dahin glänzende Karriere, da er aufgrund seiner jüdischen Herkunft Berufsverbot erhielt. Nach einem kurzen Exilaufenthalt in Italien verbrachte er die Jahre bis zum Ende der NS-Diktatur zurückgezogen in München. Umso gefragter war er als politisch Unbelasteter und künstlerisch arrivierter Komponist nach 1945. Als Dozent für Komposition gestaltete er die Nachkriegsgeschichte der Musikhochschule ganz maßgeblich mit.
Unter der Federführung von Dr. Barbara Kienscherf wird seit Oktober 2022 Jacobis umfangreicher Nachlass, der unter anderem Notenmanuskripte, rund 6.000 Briefe, Presseartikel und Fotografien umfasst, systematisch erschlossen und digitalisiert. Bereits jetzt steht der Nachlass für wissenschaftlich und künstlerisch Interessierte nach vorheriger Kontaktaufnahme zur Verfügung.
Projektleitung:
Dr. Barbara Kienscherf, Dr. Tobias Reichard
Projektmitarbeitende:
Christoph Schuller
Laufzeit:
seit 2022
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