Donnerstag, 28. Mai ’26 / 18:15 Uhr

Ringvorlesung: »Audiovisuelle Narrative«

Re-Sonanz. Zum Sound im Reenactment

Foto von einem silbernen Mikrofon
Eintritt frei
Veranstaltungsort
Senatssaal, Raum 212
Arcisstr. 12, 80333 München
80333 München
Der Vortrag untersucht mit dem Reenactment als performativer oder medienkünstlerischer Nachstellung ein spezifisches audiovisuelles Narrativ, das sich zwischen dem Pol einer immersiven und affektiven Identifikation und deren kritischer, bilddokumentarischer Infragestellung aufspannen lässt. Dabei geht der Begriff zurück auf die Geschichtsphilosophie des britischen Philosophen Robin G. Collingwood, dem die Nachstellung jedoch eine rein geistige Angelegenheit ist und im »re-thinking of past thoughts« besteht. Der Vortrag möchte eine Form von Reenactment skizzieren, die sich zwischen diesen beiden Polen anordnet, also zwischen dem Reenactment als Denkarbeit einerseits und dem Reenactment als Körperarbeit andererseits. Hierzu soll ein Aspekt der historiographischen Arbeit als Nachstellung besonders in den Blick genommen, der bereits bei Collingwood eine zentrale Rolle spielt: Es handelt sich um die Detektivgeschichten, die auch für Siegfried Kracauer und Carlo Ginzburg im engen Zusammenhang mit der Frage einer kritischen Geschichtsarbeit stehen. Im Anschluss möchte ich vorschlagen, von einem Forensischen Reenactment zu sprechen, das mit der Frage der Tatortuntersuchung, wie sie Detektivgeschichten oftmals vorantreibt, sowie mit der Rekonstruktion eines Tathergangs befasst ist. Anhand eines Projekts der Londoner Forschungsagentur Forensic Architecture soll gezeigt werden, inwiefern neben den visuellen Elementen besonders der Sound eine zentrale Rolle in dieser Form von Nachstellung spielt: Jenseits der visuellen Rekonstruktion ermöglichen es die »memories of sound«, erlebte Gewalt in ein erweitertes Erfahrungsmodell einzuführen und derart adressierter zu machen. So kehren die Praktiken des Reenactments, so die These des Vortrags, jenseits ihrer Verengung auf affektive Identifikation wieder – sowie auch jenseits ihrer Collingwoodschen Idealisierung – und zwar nicht als künstlerische, sondern als ästhetische Praktiken.
Mitwirkende
Prof. Dr. Maria Muhle (Philosophie und Ästhetische Theorie, AdBK München)