Das Institut für Historische Aufführungspraxis darf in diesem Studienjahr dankbar auf vier nachhaltig prägende Meisterkurse zurückblicken.
Am 17. Dezember 2025 reiste Professor Jean-Christophe Dijoux für einen besonders facettenreichen Austauschtag nach München, der sich aus einem Ringseminar und einem anschließenden Meisterkurs-Nachmittag für Cembalist*innen und Kammermusik-Ensembles zusammensetzte.
Der erste Teil des Tages war dem Studium von J. Matthesons Großer General-Bass-Schule gewidmet. Prof. Dijoux bot eine fundierte historische Kontextualisierung, die durch das Lesen ausgewählter Textpassagen und die detaillierte Analyse mehrerer Partimenti ergänzt wurde. Diese theoretischen Phasen wurden durch zahlreiche, direkt am Cembalo gespielte Beispiele veranschaulicht, wodurch Theorie und instrumentale Praxis optimal miteinander verknüpft wurden.
Am Nachmittag erhielten die Studierenden individuelle Impulse zu ihrem jeweiligen Repertoire: Milena Baroian arbeitete an Stücken von Forqueray und setzte sich dabei mit den Besonderheiten dieses anspruchsvollen Stils auseinander. Soichiro Fujino präsentierte ein Prelude von Louis Couperin. Diese Arbeit bot Anlass für einen Quellenvergleich sowie für eine Gegenüberstellung mit dem Lautenrepertoire und dem Schaffen Frobergers. Ein besonderes Augenmerk lag zudem auf dem tiefen Verständnis der Harmonik, der Analyse der verschiedenen Stimmen und dem Erarbeiten eines feinfühligen Tastenkontakts (Anschlags). Marie Dumas und Sumin Ahne widmeten sich der Musik von Johann Sebastian Bach anhand der e-Moll Sonate. Dies bot die Gelegenheit, die Klangtextur und -substani des Continuos zu erforschen und insbesondere die Auswirkung der Registerwahl (Tessitur) auf die Balance mit der Traversflöte auszuprobieren. Schließlich wurde intensiv an der Phrasierung der linken Hand und der Fähigkeit des Continuo-Spielers gearbeitet, das Ensemble aktiv und dynamisch zu führen.
Marie Dumas
Ein besonderes Highlight in diesem Semester war für alle lnstrumentalist*innen der zweitägige Meisterkurs, am 16. und 17. März 2026, mit dem renommierten Barockcellisten Prof. Christophe Coin. Anhand ausgewählter Werke von C.F. Abel, J.S. Bach, L. Boccherini und J.J. Quantz vermittelte er den Studierenden in intensiven Einzel- und Ensembleeinheiten wertvolle Impulse zur historischen Aufführungspraxis, Klanggestaltung und musikalischen Ausdruckskraft. Es gelang ihm, die Teilnehmenden zu eigenständigen musikalischen Lösungen anzuregen und neue Perspektiven auf das Repertoire zu eröffnen.
Die Cellistin Chorong Lee aus der Klasse von Prof. Kristin von der Goltz, beschreibt ihre Kurserfahrung wie folgt:
»Auch wenn die Begegnung mit ihm nicht sehr lange war, war es für mich eine wunderbare Erfahrung, durch das Barockcello die Gelegenheit zu haben, Christophe kennenzulernen. Ich war sehr beeindruckt von seinem feinsinnigen und sensiblen Spiel. Besonders beeindruckt hat mich, dass er nicht nur erklärt hat, was man für die Interpretation braucht, sondern dass er einen durch sein eigenes Spiel dorthin geführt hat. Das war für mich eine sehr inspirierende Erfahrung. Wenn sich irgendwann die Gelegenheit ergibt, würde ich sehr gerne noch mehr von seiner feinsinnigen Musikalität lernen.«
Prof. Marion Treupel-Franck
Am 29. und 30. April 2026 fand ein Meisterkurs mit der französischen Cembalistin Prof. Aline Zylberajch statt, an dem die Studierenden der Klasse von Prof. Christine Schornsheim teilnahmen. Im Zentrum des Kurses stand die französische Cembalomusik des Barock.
Ausgehend von historischen Quellen arbeitete Aline Zylberajch mit den Teilnehmenden an Fragen der Phrasierung, des touché und der stilgerechten Artikulation. Durch französische Barocktänze sowie die Arbeit mit französischen Operntexten näherten sich die Studierenden Schritt für Schritt der Klangsprache und dem Ausdruck dieser Musik an. Dabei wurde spürbar, wie eng Sprache, Tanz und musikalische Geste in der französischen Barockmusik miteinander verbunden sind. Ein wichtiger Aspekt des Meisterkurses war außerdem die Arbeit an der Technik. Mit großer Aufmerksamkeit und Geduld begleitete Aline Zylberajch die Teilnehmenden bei technischen Herausforderungen; bereits m Verlauf des Meisterkurses war bei allen eine deutliche klangliche Entwicklung zu hören.
Der Meisterkurs bot den Studierenden die Möglichkeit, dieses Repertoire aus der Perspektive einer französischen Musikerin kennenzulernen und wichtige Impulse für die weitere Beschäftigung mit der französischen Barockmusik zu gewinnen.
Milena Baroian
Prof. Martin Gester war am 29. April 2026 bei uns am Institut für Historische Aufführungspraxis zu Gast und gab einen ganztägigen Kammermusikkurs. Die Studierenden des Instituts hatten verschiedene Werke der französischen Kammermusik des 17. und 18. Jahrhunderts vorbereitet, unter anderem von Marin Marais (1656-1728), Jacques-Martin Hotteterre „Le Romain“ (1674-1763), Franois Couperin {1668-1733), Louis-Antoine Dorne! (1680-17S7) und Pierre Danican Philidor (1681-1731). Mit seinen umfangreichen Kenntnissen über die französische Barock-Kammermusik sowie durch seine humorvolle, zugleich aber präzise Art der Vermittlung eröffnete Prof. Martin Gester uns einen lebendigen Zugang zur französischen Musik: Sie wurde nicht nur verständlich, sondern auch spürbar und faszinierend. Er sprach nicht nur über Musik, sondern vermittelte auch zahlreiche Zusammenhänge aus Kultur, Sprache, Geschichte, Tanz und vielen weiteren Bereichen, die eng mit dieser Musik verbunden sind. In den Unterrichtsstunden verband er Theorie und Praxis und behandelte dabei zentrale Themen wie Generalbass, Verzierung und das stilistische Verständnis französischer Barockmusik. Ausgehend von Sprache, Tanz und Taktarten zeigte er, wie man über unterschiedliche Instrumentalbesetzungen und Artikulationsweisen zu einem lebendigen musikalischen Ausdruck gelangen kann. Außerdem vermittelte er, wie sich diese Elemente beim Musizieren ganz natürlich in den Fluss bringen lassen. So entstand ein inspirierender Meisterkurs, der uns die Welt der französischen Barockmusik auf vielfältige Weise näherbrachte. Der Meisterkurs war sowohl für die Spielerinnen und Spieler als auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer ein bereichernder Austausch.
Tung-HonHu
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